Eigentlich sollte das hier nur ein kleines Stück Hintergrundgeschichte zu einem der ersten Hypercars überhaupt werden, das heute kaum noch jemand kennt. Doch die Story hinter dem „Dauer 962LM“, seinem Schöpfer und dessen Unternehmen entpuppte sich dann doch als viel zu spannend, um sich nur auf das Auto an sich zu konzentrieren. 

Um die ganze Bedeutung des Dauer 962LM zu erkennen, muss man zurück ins Jahr 1984 gehen. Dort ging – als Nachfolger des legendären 956 – erstmals der Porsche 962 an den Start einer Motorsportveranstaltung. Ein Gruppe-C-Rennwagen, der zusammen mit seinem Vorgänger 956 zu den erfolgreichsten Produkten der Motorsportabteilung aus dem Hause Porsche gehört. Vor allem, wenn man bedenkt, wie lange die DNA von 956 und 962 weiterlebte und erfolgreich blieb: Noch 1997 siegte beim 24-Stunden-Rennen in Le Mans ein Fahrzeug mit Porsche-962-Motor – der TWR Porsche WSC-95. Heute undenkbar, schließlich geht der Motor im 962 auf den Porsche 930 zurück, der schon 1974 vorgestellt wurde und dessen Grundzüge 1997 bereits 23 Jahre alt waren – ein geradezu biblisches Alter für ein Rennauto.

Doch zurück zum Dauer 962LM. 7 Jahre nach der Einführung des Porsche 962, im Jahr 1991, kaufte der ehemalige Rennfahrer Jochen Dauer, der unter anderem in der Formel 3, der Formel 2 oder der Deutschen Rennsport Meisterschaft (DRM) an den Start ging, fünf neue 962-Chassis bei Porsche. Diese trugen die Fahrgestellnummern 169, 172, 173, 175 und 176. Bereits zuvor setzte „Jochen Dauer Racing“ erfolgreich Gruppe-C-Rennwagen von Porsche ein, unter anderem in den USA. Trotz des Endes der Gruppe C Anfang der 90er drohte den fünf Chassis in Dauers Hand allerdings keinesfalls der Schrottplatz. 

Wir springen drei Jahre weiter, auf die Internationale Automobil Ausstellung (IAA) in Frankfurt 1993. Hier präsentierte Jochen Dauer der Weltöffentlichkeit erstmals den Dauer 962LM – eine straßenzugelassene Version des Porsche 962 mit einem zweiten Sitz, Lederausstattung, Rückfahrkamera sowie einem „Kofferraum“ in der linken Türschwelle, für die Dauer sogar ein passendes Kofferset aus CFK anbot. Eine der aufwendigsten Änderungen war außerdem ein von Porsche beigesteuertes hydraulisches Fahrwerk, dank dem es der 962LM auch mit Temposchwellen und Parkhäusern aufnehmen konnte. Der Motor im Dauer 962LM stammt beinahe unverändert aus dem Porsche 962 und wurde in ähnlicher Form auch im Porsche 935 gefahren. Das drei Liter große Triebwerk mit sechs Zylindern in Boxerbauweise und zwei KKK-Turboladern schaffte es im Dauer 962LM ohne Restriktor auf 730 PS. Die Leistung trifft auf ein Kampfgewicht von 1.130 Kilogramm. 

Fahrzeug Nummer 001 basierte übrigens auf dem Porsche-Chassis 169 und war in einem knalligen Gelb lackiert. Die Besucher der IAA waren begeistert, wie das folgende Video beweist: 

Wie es der Zufall so wollte, wurde die Gruppe C beim 24 Stunden Rennen von Le Mans 1994 von der neuen GT1-Klasse beerbt, für die lediglich Fahrzeuge vorgesehen waren, die es auch mit einer Straßenzulassung gab. Für den Porsche 962 ein Ding der Unmöglichkeit – nicht jedoch für den Dauer 962LM. Zwar gab es zu diesem Zeitpunkt erst ein fahrfähiges Exemplar, die Regelhüter an der Sarthe schrieben zum Glück jedoch keine Mindeststückzahl vor. Eine Lücke im Reglement, die sich nur in diesem Jahr öffnen sollte. Und so gingen 1994 zwei Dauer 962 beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans für das „Porsche Team Le Mans“ an den Start: Nummer 002 (gesponsert von Shell) auf Basis des Porsche-Chassis 173 und Nummer 003 (gesponsert von FAT International) auf Basis des Porsche-Chassis 176. Das erste und einzige Mal, bei dem Porsche für einen Werkseinsatz auf Kundenautos zurückgriff! 

Nach einem spannenden Rennen zweimal rund um die Uhr konnten die Fahrer Yannick Dalmas, Hurley Haywood und Mauro Baldi den von Joest Racing eingesetzten Dauer 962 auf Platz Eins über die Ziellinie fahren. Das Schwesterfahrzeug mit Hans-Joachim Stuck, Danny Sullivan und Thierry Boutsen erreichte Gesamtrang drei. Als Erfolgsrezept der GT1-Autos gegenüber den eigentlich schnelleren Prototypen sollte sich der größere Tank herausstellen, der längere Stints und damit weniger Boxenstopps ermöglichte. 

Kleine Zusatzinfo, über die ich bei der Recherche gestolpert bin: Ein Nebeneffekt des Dauer-Engagements in Le Mans war, dass Porsche das hauseigene Projekt „LM GT 94“ cancelte und lieber auf den GT1-Renner aus Nürnberg setzte. Viel ist über den LM GT 94 nicht bekannt, lediglich ein Bild während einer Restaurierung bei Freisinger Motorsport ist im Internet zu finden. Um die McLaren in Le Mans zu schlagen, waren für den LM GT 94 immerhin 750 PS bei 1.000 Kilogramm vorgesehen. Die Karosse hat optische Ähnlichkeit mit dem 993 GT2, der erst 1995 auf den Markt kam, die Fahrzeugelektronik stammt vom Porsche 962. 

Nach den Erfolgen bei der IAA 1993 sowie den 24 Stunden von Le Mans 1994 erhielt Jochen Dauer von Porsche die Erlaubnis, den 962LM mit Straßenzulassung auf einer Automesse in Singapur auszustellen, wo er erstmals in Kontakt mit dem Sultan von Brunei kam. Dieser kaufte nicht nur das ausgestellte Fahrzeug gleich vom Stand weg für seine gigantische Sammlung (man schätzt zwischen 3.000 und 5.000 Fahrzeugen), sondern orderte im Laufe der Zeit noch weitere Dauer 962LM. 

Genaue Zahlen sind schwer zu verifizieren, doch es sind insgesamt wohl elf Exemplare des Dauer 962LM entstanden. Die beiden Rennfahrzeuge aus Le Mans sowie neun Straßenversionen, von denen sich allein sechs im Besitz des Sultans von Brunei befinden sollen. Ein weiteres Exemplar im Biene-Maja-Look, das 2003 noch von der Auto Bild getestet wurde, befindet sich angeblich in Schweden, ein gelb-grüner 962LM soll bei Jochen Dauer an der Wand hängen und ein Fahrzeug soll an den amerikanischen Mode-Giganten Ralph Lauren gegangen sein. Übrigens: Für einen Dauer 962LM, die noch bis 2002 bestellbar waren, rief der Nürnberger zum Schluss rund 980.000 Euro auf. Für 2006 war ein umfassendes Update geplant, doch dazu kam es nicht mehr. 

Das Ende der Dauer Sportwagen GmbH zeichnete sich im Nachhinein früher ab als zunächst angenommen. Zwar präsentierte sich der Nürnberger Ex-Rennfahrer und Unternehmer vordergründig erfolgreich und hatte mit dem Sultan von Brunei ja auch einen denkbar prominenten Abnehmer seiner millionenschweren Supersportler, doch für ein gutes Geschäft reichte das wohl nicht. Bei Porsche, die Dauer Motoren und weitere Bauteile lieferten, wuchsen die Schulden schnell in die Millionenhöhe.  

Als vermeintlich rettenden Strohhalm ersteigerte Jochen Dauer 1997 dank des Darlehens eines anderen fränkischen Unternehmers (das er später „vergessen“ sollte zurückzuzahlen) die Reste der insolventen Firma Bugatti, die in den 90ern zwar den Supersportler EB110 auf die Räder stellten, das Projekt samt gigantischer neuer Produktionsanlage aber nicht gewinnbringend umsetzen konnten – eine Story, die einen eigenen Text wert wäre, hätten die Kollegen von Radical nicht schon bereits hervorragend recherchiert. So landeten viele unfertige EB110 sowie eine große Menge an Ersatzteilen bei Jochen Dauer. Was dieser allerdings bei der gleichen Auktion nicht ergattern konnte, waren die Namensrechte an „Bugatti“. Die gingen bekanntermaßen an VW, wo man heute dank Veyron und Chiron durchaus von einer gelungenen Wiedergeburt sprechen kann. 

Dauer vermarktete den EB110 fortan also mit dem Zusatz „SS“ für „Supersport“ unter eigenem Namen und suchte besonders in den USA sein Glück. Dort merkten seine neuen Geschäftspartner – unter anderem die Rennfahrerdynastien Unser und Andretti – aber schnell, dass das Projekt eine gigantische nicht finanziell abgesicherte Blase war, und stiegen aus. Als dann auch noch Steuerschulden von fast fünf Millionen Euro auffielen, verschwand Dauer von der Bildfläche und wurde erst nach 1,5 Jahren in der Schweiz festgenommen. Im Juli 2010 wurde er schließlich zu 3,5 Jahren Gefängnis verurteilt. 

Und die restlichen Teile von Dauers 962LM und EB110SS? Die wurden 2011 an die Firma „Toscana Motors“ mit Sitz in Kaiserslautern verkauft. Auf der Website sind noch Bilder der originalen Bugatti-Container zu finden, Kontaktversuche blieben leider unbeantwortet. Und so verläuft die Geschichte eines der spektakulärsten Sportwagen-Projekte der 90er- und frühen 2000er-Jahre klammheimlich im Sand – 25 Jahre nach dem großen Erfolg beim 24 Stunden Rennen von Le Mans. 

Der Vollständigkeit halber sei hier noch erwähnt, dass der Dauer 962LM nicht der einzige 962 mit Straßenzulassung war. Auch andere Unternehmen wie Schuppan oder Koenig brachten den Gruppe-C-Renner auf die Straße – allerdings in deutlich modifizierterer Form. 

Zusätzliche Bilder zum Dauer 962LM, Jochen Dauer, dem EB110 sowie den anderen 962-Straßenversionen in der folgenden Galerie: