Die erste Ausfahrt des Jahres ist immer etwas ganz Besonderes. Wenn der Dampf aus dem Auspuff in der kalten Morgenluft dichte Wolken bildet und die Eifelstraßen die frischen Narben eines harten Winters zeigen, ist es Zeit, vollzutanken und die Müdigkeit der kurzen dunklen Tage abzuschütteln. 

Es ist Freitagabend, der Geburtstag meiner Freundin. Eigentlich sollte ich aufmerksam sein und eine nette Begleitung abgeben. Doch gerade eben trudelte eine Nachricht auf meinem Handy ein, die mich vor Freude nervös auf meinem Stuhl hin und her rutschen lässt. „Morgen holen wir den Clio V6 ab, lass uns doch am Sonntag ein paar Bilder machen“ – mehr braucht es nicht, damit ich meine Wochenendpläne komplett über den Haufen werfe. Das wird ein langer Samstag …

Sonntagmorgen. Die Eifel zeigt sich von ihrer harten Seite. Es regnet, das Thermometer klettert mühsam über die Null-Grad-Marke. Wir stehen in der Werkstatt von Waldow Performance, mein Freund Janis Waldow und sein Vater Axel präsentieren mir stolz den jüngsten Zugang des mittlerweile mehr als ansehnlichen Fuhrparks. Zwischen diversen Rennfahrzeugen und Tracktools in Form scharfer Renault-Sport-Modelle und einer sehr grünen Alpine A110 (dazu in Zukunft mehr) kauert ein silberner Clio aus dem Jahr 2001 knapp über dem Werkstattboden. 

Mit seinen beinahe würfelförmigen Abmessungen erinnert der Clio V6 nicht zufällig an die legendären Renault R5 Turbo der 80er-Jahre. Auch im bislang letzten wirklich verrückten Hothatch von Renault steckt der Motor zwischen Fahrer und Hinterachse. Das Mittelmotor-Heckantrieb-Konzept übernimmt der Clio V6 von seinem Urahn, die Optik und den Innenraum steuert die zweite Clio-Generation bei. Um beides zu verbinden, wuchs der Kleinwagen massiv in die Breite. Mächtige Lufteinlässe versorgen den drei Liter großen Sauger mit Sauerstoff. Entwickelt wurde das Fahrzeug übrigens in Zusammenarbeit mit Tom Walkinshaw Racing (TWR), die im schwedischen Uddevalla auch die Produktion in Handarbeit übernahmen. Nur rund 1.500 Exemplare des „Phase 1“ wurden gebaut. 

Genug der grauen Theorie, der Clio will gefahren werden. Doch auf den engen nassen Eifelstraßen ist Vorsicht geboten. Schließlich gilt besonders die erste Charge der V6-Monster mit 226 PS als ganz und gar garstig. Heute ist davon allerdings kaum etwas zu spüren. Klar, der V6 schiebt den Kleinwagen mit einer bisher unbekannten Vehemenz über die bucklige Landstraße, gefährlich wird es bei gemäßigtem Tempo aber nie. Dafür überrascht die Lenkung mit einem gigantischen Wendekreis, der an manchen Haarnadelkurven zwischen Nürburg und Adenau zu einem schweißtreibenden Workout führt. 

Lange Schaltwege, hohe Sitzposition und ein Innenraum, der das Prädikat „spartanisch“ erfunden zu haben scheint. Heute würde wohl kein Hersteller mehr auf die Idee kommen, ein solches Frankenstein-Auto auf die Räder zu stellen. Doch genau dieser wilde Mix aus gewöhnlichem Kleinwagen und großem Motor, aus kurzem Radstand und Heckantrieb – dieser Mix macht den V6 zu etwas Besonderem. Und er sorgt für staunende Blicke, jederzeit – nicht nur beim Fahrer. 

Zurück in der Werkstatt knistert der mittlerweile 18 Jahre alte Motor zufrieden vor sich hin. Die Zeiten, in denen der V6 als Sportwagenschreck unterwegs war, mögen zwar vorbei sein, ein Erlebnis ist der letzte Mittelmotor-Hothatch aber allemal. Vor allem, weil er daran erinnert, worauf es beim Fahrspaß wirklich ankommt. Denn einen „Fahrerlebnisschalter“ oder „Drive-Mode-Knopf“ sucht man im V6 vergebens. Er wurde eben schon als Spaßmaschine gebaut.